Zukunftsfähigkeit ist (k)ein Thema für soziokulturelle Zentren

Für über 600 soziokulturelle Zentren und Kulturinitiativen in Deutschland liegen derzeit keine fundierten Handlungsansätze für eine nachhaltige Ausrichtung vor, sowohl auf Landes- wie auch auf Bundesebene sucht man vergebens. Deutlich zeigt sich hier kulturpolitischer  Nachholbedarf, die Herausforderungen im Zusammenhang mit einer klimagerechten Kulturpolitik werden nicht ausreichend berücksichtigt, die Haltung Kulturschaffender und kulturpolitischer Entscheidungsträger gegenüber den BNE-Bemühungen, Nachhaltigkeitsprinzipien auch in der Kultur zu verankern,  sei eher als ablehnend und hinhaltend ignorant zu beschreiben, diagnostiziert der Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Günther Bachmann (vgl. Bachmann 2018: S.20).  Die Lücken lassen sich nicht leugnen, wie die qualitative Studie „Zukunftsfähigkeit gestalten!“ (Grundlage der Untersuchung sind 13 soziokulturelle Zentren aus Hessen und Nordrhein-Westfalen unter Berücksichtigung statistischer Erhebungen auf Bundesebene. )  zeigt, denn „Gesellschaftspolitik und Nachhaltigkeitsdiskurse sind in der Kulturlandschaft weder zusammen gedacht noch zusammen praktiziert, geschweige denn wissenschaftlich untersucht“ (Schneider 2019: Geleitwort):

  • Weder im Forschungsfeld noch auf Bundesebene weisen soziokulturelle Zentren Bezüge zu den 17 SDG der Vereinten Nationen, zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, zur Agenda 2030 oder zu planetarischen Leitplanken aus.
  • Kein untersuchter Betrieb verfasst aktuell einen Nachhaltigkeitsbericht.
  • Auch die Kommunikation nachhaltiger Themen ist aktuell kein Thema für soziokulturelle Zentren. Nur in wenigen Ausnahmen bringen die Zentren sich in den Selbstdarstellungen mit den Themen Nachhaltigkeit und Umwelt in Verbindung.

Unter energetischen und klimagerechten Gesichtspunkten wird die Forderung der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V., den „Zuschuss für Bau und Investitionen“ (Bundesvereinigung 2017: S. 7) deutlich zu erhöhen, noch drängender. Ohne Förderprogramme wird die Gestaltung einer zukunftsfähigen Infrastruktur nicht auskommen, und es wird genau diese machtvollen, politikfeldübergreifenden Stellschrauben brauchen, um nachhaltige Prozesse in Schwung zu bringen, denn Anreize sind ein äußerst förderwirksames Instrument. Kulturbetriebe, die sich auf den Weg machen, die nachhaltig bewusster handeln wollen, CO2-Emissionen reduzieren möchten, die ihre Einkaufspolitik fairer, regionaler, saisonaler und umweltverträglicher gestalten würden, sollten mit gezielten Förderprogrammen bestärkt werden.

Eine zukunftsweisende, klimagerechte Kulturpolitik sollte proaktiv  zum  „Mitmachen“ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2015, S. 26) anregen, denn die Antwort auf die Frage >>Was kann ich tun?<< stellt sich für kulturpolitische Entscheidungsträger und Kulturakteure gleichermaßen.

Es braucht die Tatkraft aller, zum längst überfälligen Kulturwandel beizutragen. Erste Handlungsmöglichkeiten hat Norbert Sievers in seinem Beitrag „Kulturpolitik muss auch Klimapolitik sein“ (vgl. Sievers 2018: S. 72) in der letzten Ausgabe der kulturpolitischen Mitteilungen aufgezeigt.

Klimapolitik braucht Nachhaltigkeitskultur

Es braucht lösungsorientierte Ansätze, im Alltag der Menschen verankert, unmittelbar im eigenen Wirkungsfeld, vor Ort. Es braucht gelingende Praxis und eben auch das kreative Potenzial der Kulturszene, den Mut, Lebensweisen zu hinterfragen, Neues auszuprobieren, das Aufspüren eigener Mitgestaltungsmöglichkeiten. Einmal mehr kann hier die soziokulturelle Szene wertvolle Beiträge leisten. Die gesellschaftliche Nähe, insbesondere zur jungen Generation, die regionale Vernetzung sowie langjährige Erfahrungen in der kulturellen Bildungsarbeit stellen gute Ausgangsbedingungen dar, sich bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitskultur aktiv einzubringen, denn ohne eine deutlich zunehmende Ausprägung klimafreundlichen Verhaltens werden wir zukünftig nicht mehr auskommen.  Die Rücksichtnahme auf Natur und Mensch sollte in das Zentrum zukünftiger Arbeits- und Lebensweisen rücken.

Und vielleicht braucht es auch neue Begriffe wie das noch relativ junge Kompositum Nachhaltigkeitskultur, um jenes Kultur(selbst)verständnis deutlicher zu machen, dass Kultur und Kulturakteure Beiträge zu einer gesellschaftlichen Transformation zu mehr Nachhaltigkeit leisten können und sollten.

Die Aufgeschlossenheit der untersuchten Betriebe gegenüber Veränderungsprozessen birgt Entwicklungspotenzial, und es stimmt zuversichtlich, dass immerhin 60 Prozent der untersuchten Zentren bereits Nachhaltigkeitsbeauftragte haben oder Strom aus erneuerbaren Energien beziehen. Wie sich diese Befunde bundesweit darstellen werden, darüber wird die Mitte Mai 2019 zu erwartende neue statistische Erhebung der Bundesvereinigung Auskunft geben können.

Es braucht diese Kümmerer in den Kulturbetrieben, es braucht Pioniere, die Verantwortung übernehmen und nachhaltige Entwicklungen anstoßen. Die Strahlkraft der Vorbilder ist nicht zu unterschätzen, so kann eine konsequente Ausrichtung und Orientierung am Leitprinzip der Nachhaltigkeit dazu beitragen, Zukunftsfähigkeit im kulturpolitischen Feld zu entwickeln, und zur derzeit noch nicht gegebenen Anschlussfähigkeit befähigen.

Dies scheint die Szene zunehmend zu erkennen. Bundesweit machen sich erste soziokulturelle Zentren intrinsisch motiviert auf den Weg, Beiträge zur Ausprägung einer Nachhaltigkeitskultur zu entdecken, Kriterien zu erproben, aus eigener Kraft heraus zukunftsweisende Maßnahmen in der Praxis umzusetzen. Gefördert mit Mitteln des Fonds Nachhaltigkeitskultur, unterstützen das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. die Betriebe dabei, bis zum Sommer 2020 an der Entwicklung eines branchenspezifischen Nachhaltigkeitskodex für Kulturbetriebe mitzuarbeiten.

Ein anwendungs- und praxistauglicher Kodex soll entstehen, der vermutlich nicht nur der soziokulturellen Szene als Orientierungshilfe dienlich sein dürfte, denn eine nachhaltige, klimagerechte Betriebsführung sollten auch öffentlich subventionierte Theater, Museen, Musik- oder Jugendkunstschulen angehen.