Ein Deutscher Nachhaltigkeitskodex für Kulturbetriebe? Soziokulturelle Zentren machen sich auf den Weg

Soziokulturelle Zentren machen sich auf den Weg

Erschienen in: Forschungsfeld Kulturpolitik – Eine Kartierung von Theorie und Praxis; Festschrift für Wolfgang Schneider

Erste Schritte auf dem Weg zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) für Kulturbetriebe sind gemacht. Der Auftakt in Erfurt im April 2018 stimmt zuversichtlich: Über 75 Prozent der bestehenden Kodex-Kriterien scheinen auch für die soziokulturelle Szene anwendbar. Der branchenspezifische Zuschnitt wird Top-down nicht gelingen, aussichtsreicher ist es, die Inhalte gemeinsam mit den Akteur*innen vor Ort zu entdecken, zu entwickeln, auf ihre Anwendbarkeit hin zu testen. Diese Praxisnähe und Themenrelevanz sind Merkmale einer anwendungsbezogenen Kulturpolitikforschung, die dem Projekt als methodische Orientierungshilfe dient und typisch ist für die Hildesheimer Arbeitsweise. Erste Etappenziele sind erreicht, Stolpersteine sind markiert, weitere Meilensteine in Sichtweite. Noch aber sind weit(er)e Wege durch die Republik erforderlich, um nicht mit einer zukunftsweisenden Idee vorauszueilen, ohne die Akteur*innen mitzunehmen.

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex – ein Instrument
für Kulturbetriebe?

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung arbeitet seit der Gründung im Jahr
2001 an der Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). In dem ersten Jahrzehnt zunächst ausgerichtet auf Konzerne und Großbetriebe strebt der Kodex zunehmend an, auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) für die Mitwirkung zu gewinnen. Zielsetzung ist, nachhaltige Entwicklungsprozesse in den Organisationen anzustoßen, um in den Betrieben Nachhaltigkeit bestenfalls dauerhaft im Kerngeschäft zu verankern (vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung 2017: 66). Unter Nachhaltigkeit versteht der Rat für Nachhaltige Entwicklung „die Suche nach einer neuen Art des Umgangs mit der Umwelt, der Gestaltung des sozialen Zusammenlebens und des Wirtschaftens“ (ebd.). Der DNK setzt auf die Ansprache von Unternehmensleitungen und Geschäftsführer*innen und gibt diesen ein mittlerweile praxiserprobtes Steuerungsinstrument nachhaltigen Wirtschaftens an die Hand. Die Teilnahme erfolgt auf selbstverpflichtender Basis, die Anwendung ist kostenfrei. Eine Anschlussfähigkeit der vier Wirkungsfelder (Strategie, Prozesse, Umwelt, Gesellschaft) und 20 Kriterien an internationale Berichtsstandards sind im DNK berücksichtigt. Als Pluspunkt kann betrachtet werden, dass der Kodex eine Branchenspezifizierung zulässt. Dies ist auch notwendig, um den unterschiedlichen Schwerpunkten potentieller Anwender*innen gerecht werden zu können. Im April 2018 hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung die jüngste Modifizierung, eine „alpha-Version des Hochschul-DNK“ (Rat für Nachhaltige Entwicklung 2018), verabschiedet. Ein Blick auf den aktuellen DNK-Datenbankstand zeigt: In der Folge haben immerhin neun Hochschulen bereits eine Entsprechenserklärung abgegeben, allerdings verfasst derzeit kein Kulturbetrieb in Deutschland einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem DNK-Standard (vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung 2019). Es drängt sich die Frage auf, woran es liegen könnte, dass der DNK nicht von Kulturbetrieben in Deutschland genutzt wird. Ist Nachhaltigkeit kein Thema für Kulturbetriebe? Könnte eine branchenspezifische Modifizierung für die Anwendung in der Kulturszene ebenfalls förderlich sein? Dieser Beitrag zeichnet den bisherigen Versuchsverlauf nach, in Zusammenarbeit mit soziokulturellen Zentren einen branchenspezifischen Nachhaltigkeitskodex für Kulturbetriebe in Deutschland zu entwickeln.

Auftakt in Erfurt

Einundzwanzig Vertreter*innen soziokultureller Zentren der Akteurs- und Verbandsebene haben sich im April 2018 im Rahmen des Workshops „Nachhaltigkeitskultur konkret: Wirkungsfelder, Kriterien, Fragen“ in Erfurt mit den zwanzig Kriterien des DNK befasst, ausgehend von den Fragestellungen: Was wird im Sinne der Soziokultur unter Nachhaltigkeit verstanden? Welche Aspekte wären für die Zentren wichtig? Könnten die Wirkungsfelder und Leistungsindikatoren nachhaltigen Wirtschaftens auch auf soziokulturelle Zentren zutreffen?

Margret Staal, Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren, formuliert den Erfurter Anspruch: „Das Verständnis für Zukunftsfähigkeit im Sinne der Soziokultur wird heute entwickelt“ (Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren 2018: 8).

Juliane Döschner engagiert sich in dem Verein FreiRaum-Jena, sie befasst sich gemeinsam mit Patrick Adamscheck, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren, in dem Workshop mit den drei DNK-Kriterien (vgl. Bertelsmann-Stiftung 2014: 45-53):

– Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen (Kriterium 11),
– Ressourcenmanagement (Kriterium 12),
– Klimarelevante Emissionen (Kriterium 13).

Jene Kriterien, die in einem ersten Schritt für soziokulturelle Zentren als zutreffend eingeschätzt worden sind, werden anschließend mit Messwerten konkretisiert, ausgehend von der Aufgabenstellung: Welche Kennzahlen könnten nachhaltige Entwicklung soziokultureller Zentren sichtbar machen?

So sollte im Zusammenhang mit Kriterium 11 beispielsweise der Energieverbrauch erfasst oder bei Kriterium 13 die Art der bezogenen Energie ausgewiesen werden. Vorgeschlagen wird zudem, nachhaltige Entwicklung an der Durchführung einer Energieberatung festzumachen. Auch die Anbindung der Einrichtung an den ÖPNV oder der Einsatz von Kombitickets könnten als Messwerte relevant sein, resümieren Döschner und Adamscheck in der Präsentation der Arbeitsergebnisse im Plenum. Maike Heinigk, Geschäftsführerin der Centralstation Darmstadt, fügt in der regen Debatte hinzu, dass als weiteres Kriterium auch der CO2 -Emissionsausgleich erfasst werden sollte (vgl. Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren 2018: 14-16). In dieser Weise sind in Erfurt alle vier Wirkungsfelder nachhaltigen Wirtschaftens des DNK analysiert worden. Ein fünftes Handlungsfeld, „Politik und Finanzen“, ist erweiternd hinzugenommen worden, ausgehend von der Prämisse, dass eine branchenspezifische Betrachtung nachhaltiger Entwicklung soziokultureller Zentren eine Berücksichtigung infrastruktureller Themen erfordert.

Die Nutzung des DNK ist für Kulturbetriebe nicht
ausgeschlossen

Als ein wesentliches Ergebnis des Erfurter Workshops ist festzuhalten: Die Nutzung des DNK scheint auch für Kulturbetriebe nicht ausgeschlossen. Zwei Drittel der bestehenden Kriterien sind von den Teilnehmenden als anwendungstauglich erachtet worden. Dieser Befund stimmt zuversichtlich, ein Auftakt scheint gemacht, die Spur für eine kulturspezifische Anpassung gelegt, die mit der Förderbewilligung des Projektes „Nachhaltigkeitskultur entwickeln – Praxis und Perspektiven soziokultureller Zentren“ im Mai 2018 Fahrt aufnimmt.

Einstimmig spricht sich die Arbeitsgruppe des Rates für Nachhaltige Entwicklung zur Zustimmung von Förderungen durch den Fonds Nachhaltigkeitskultur für eine Unterstützung des Projektes aus und erkennt das Transformationspotential an, mit der Ausprägung einer Nachhaltigkeitskultur im Alltag, im lokalen und regionalen Wirkungskreis der Menschen vor Ort, auch die Entwicklung von Zukunftsfähigkeit zu unterstützen. Für den Zeitraum Mai 2018 bis Juli 2020 wird das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim mit der Durchführung des Projektes betraut, in enger Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren. Ellen Ahbe, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung, erklärt im Letter of Intent die feste Absicht, als Kooperationspartner des Projektes zu fungieren und beschreibt erste Leistungen, die der Verband einbringen wird, unter anderem die Weiterentwicklung des Leitbildes um Aspekte der Nachhaltigkeitskultur, die Unterstützung bei der Durchführung von Workshops sowie eine regelmäßige Berichterstattung zur Sichtbarmachung der Nachhaltigkeitsinitiative.

Ein Fachbeirat ist berufen worden, der unter dem Vorsitz von Wolfgang Schneider in Berlin im Oktober 2018 in der konstituierenden Sitzung Anregungen zum Projektdesign und Handlungsempfehlungen mit auf den Weg gibt. So rät beispielsweise Beate Kegler, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, die spezifischen Anforderungen der Zentren im ländlichen Raum nicht zu übersehen.

Ria Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsfeld „Ökologische Produktpolitik“ am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), ergänzt, dass wesentliche Wirkungsfelder der Szene herausgefiltert und priorisiert werden sollten und zielt damit auf das DNK-Kriterium 2 und folgende Fragestellungen ab: Welche Aspekte der Nachhaltigkeit sind für die Branche wesentlich? Wo liegen die Potentiale und relevanten Effekte?

Fonds Soziokultur fördert Selbstversuch: Klimaneutrale Kulturveranstaltungen in der soziokulturellen Praxis

Ein Hebel könnte im Zusammenhang mit der Verbesserung der CO2-Bilanz liegen. Zur Untersuchung dieses Feldes hat das Netzwerk Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur (2N2K) in Abstimmung mit dem Institut für Kulturpolitik einen Förderantrag beim Fonds Soziokultur gestellt. Die Bewilligung des Projektes „Selbstversuch: Klimaneutrale Kulturveranstaltungen in der soziokulturellen Praxis“ erfolgt im Juli 2018, insgesamt acht Zentren aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen nehmen bis Dezember 2019 an dem Selbstversuch teil. Bernd Hesse, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren (LAKS) Hessen und Mitglied des Fachbeirats, begrüßt die Förderung des Fonds Soziokultur und unterstützt als Landesverband nachhaltige Entwicklungsinitiativen soziokultureller Akteur*innen in Hessen. In dem Projekt Selbstversuch stellen sich mit dem Capitol in Witzenhausen, dem Kulturzentrum

Kreuz Fulda, der Centralstation Darmstadt und dem Schlachthof Kassel gleich vier Einrichtungen den Herausforderungen „klimaneutraler Veranstaltungen“. Mit der Frage, welche Anforderungen an klimaneutrale Veranstaltungen gestellt werden, befassen sich Studierende des Fachbereichs 2 der Universität Hildesheim im Wintersemester 2018/19 im Projektseminar „Soziokulturelle Zentren im Wandel der Zeit: Nachhaltigkeit als Herausforderung“. Anfang Januar 2019 präsentiert die Hildesheimer Studierendengruppe vor über fünfzig Seminarteilnehmenden im Beisein der 2N2K-Berater*innen Kristina Gruber und Walter Spruck das Grundgerüst eines Leitfadens für klimaneutrale bzw. klimafreundliche Veranstaltungen und veranschaulichen die Handlungsfelder, wie in der nachfolgenden Tabelle dargestellt, mit Anwendungsbeispielen:

Handlungsfelder klimaneutrale/ klimafreundliche Veranstaltungen

HandlungsfelderAnwendungsbeispiele
Mobilität + VeranstaltungsortErreichbarkeit, Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel, Sammeltransfer, Veranstaltungsstätte organisieren
(Material-) BeschaffungFair-Trade-Produkte, regional und saisonal, klimafreundliche Materialien
KommunikationTeilnehmer*innen informieren, Rückmeldung, zu umweltfreundlichem Verhalten auffordern, Pressemitteilungen, Reportagen, Berichte etc., Werbung
Cateringvegetarisch/vegan, regional/saisonal, biozertifiziert, Resteverwertung/
Abfall/WasserRecycling, Wasser sparen, Spül- und Putzmittelreste
LogistikTransportwege (notwendig); (Prioritäten) klimafreundliche und lokale Anbieter sowie klimafreundliche Fahrzeuge bevorzugen, Vermeidung unnötiger Transportwege und Leerfahrten
EnergieNutzer*innenverhalten: Strom sparen (Stand-by einschalten, Beleuchtung anpassen, energiesparende Geräte etc.), richtiges Heizen und Lüften, Raumbeleuchtung, Wasserverbrauch reduzieren; weitere Energieeinsparmaßnahmen: Ökostrom unabhängiger Anbieter verwenden, Verbesserung des baulichen und energetischen Zustands des Gebäudes
CO2-Bilanznach der Veranstaltung CO2 -Fußabruck berechnen; Lebenszyklusanalyse (Umweltbilanz, Ökobilanz): Lebensweg des Produkts von Anfang bis Ende, inklusive Bereitstellung und Entsorgung; Erhebungsbögen und Checklisten
Kompensationnach der Veranstaltung durch verschiedene Klimaschutzprojekte
Tabelle 1. Auszug aus dem Handout der Studierendengruppe (Benz et al. 2019).

Die ermittelten Handlungsfelder stellen die Arbeitsgrundlage für die Selbstversuche da, die im Verlauf des Jahres 2019 in den teilnehmenden Zentren durchgeführt werden. In den Selbstversuchen erprobt beispielsweise das Kinder- und Jugendkulturzentrum mon ami in Weimar die Erfassung eines vollständigen CO2-Fußabdrucks im Rahmen des zweitägigen Workshops „Nachhaltige Kulturarbeit“, der Schlachthof in Kassel setzt sich mit nachhaltig wirksamen Maßnahmen im Biergarten auseinander und das Kulturzentrum Lichtburg aus Wetter (Ruhr) plant, Nachhaltigkeitsmaßnahmen deutlicher zu kommunizieren. Zu diesem Zweck erprobt der Kulturverein die Anwendung erster Bausteine und Elemente eines branchenspezifischen Kodex für Kulturbetriebe, entworfen im Rahmen der Dissertation und Studie „Zukunftsfähigkeit gestalten. Entwicklung nachhaltiger Strukturen soziokultureller Zentren“1.Tabelle 1. Auszug aus dem Handout der Studierendengruppe (Benz et al. 2019).

Studierende entwickeln Leitfaden: Nachhaltigkeit in
Karlsruher Kulturbetrieben

Parallel unterstützen Studierende des Karlsruher Institut für Technologie
(KIT) im Rahmen einer Projektseminarreihe, die vom Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften und Studium Generale (ZAK) angeboten wird, seit dem Sommersemester 2018 vier Karlsruher Kulturbetriebe zunächst mit der Entwicklung eines Leitfadens, anschließend bei der begleitenden Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen und schließlich im Sommersemester 2019 bei der Anwendungserprobung des Branchenkodex für Kulturbetriebe. Die Erfahrungen der Kulturbetriebe bei der Planung und Durchführung von Maßnahmen werden auf Stolpersteine und Machbarkeit untersucht, erfasst, reflektiert und sollen schließlich als Erfahrungswerte bei der Ausgestaltung des Kodex einfließen.

Annett Baumast, Herausgeberin des Lehrbuchs „Betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement“ und Initiatorin der Karlsruher Lehrveranstaltung bringt entscheidende Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung nachhaltiger Entwicklung auf den Punkt. Wie gut Organisationen Nachhaltigkeitsherausforderungen bewältigen, hänge von der Authentizität ihrer Nachhaltigkeitsvision ab, wie sehr Nachhaltigkeitsziele und Kerngeschäft miteinander verbunden seien und ob diese den Mitarbeitenden erfolgreich kommuniziert werden (vgl. Interface 2010: 2).

One mind at a time

Betriebe sollten offen für Anregungen von Mitarbeitenden sein, ermuntern und herausfordern, neue kreative Lösungen zu finden und gezielt beim Verständnis des Zusammenhangs zwischen ihrer Arbeit und Nachhaltigkeit unterstützen (vgl. Interface 2010: 4). Als Lösung nachhaltiger Prozessentwicklung könne formuliert werden: „We have found the most effective way to embed sustainability is one mind at a time“ (Interface 2010: 10). Baumasts Dreiklang für das Überwinden von Vorbehalten und Widerständen gegenüber Nachhaltigkeitsinitiativen lautet:

1.Wir-Leistung,
2.Kreativität,
3.Beteiligung (und bestenfalls auch Vorleben) der Geschäftsführung.

Mit Blick auf den Kultursektor offenbaren sich hier mächtige Hebel für nachhaltige Entwicklung, die enorme Wirkungskraft entfalten könnten, so diese denn von den Inhaber*innen als das erkannt werden, was sie sind: Kreativität und Gestaltungskraft sind kraftvolle Motoren für Innovationen. Künstler*innen und Kulturschaffende verfügen in besonderem Maße über eben diese Ressourcen. Dieses kreative Potential zu nutzen, um neue, ungewöhnliche Wege guten und umweltverträglichen Lebens aufzuspüren, den Blick auf das Auflösen alter Muster zu richten, neue Wege zu wagen und diese ansprechend, mitreißend und begeisternd zu kommunizieren – darin könnten die besonderen Kräfte und Beiträge der Kulturbranche liegen, Zukunftsfähigkeit kreativ und umweltbewusst mitzugestalten.

Über zwölf Millionen Besucher*innen soziokultureller Zentren jährlich stellen ein enormes Potential dar, für eine nachhaltigere Lebensweise sensibilisiert zu werden. Zentren, die sich auf einen nachhaltigen Weg machen, sollten ihren Besucher*innen unbedingt davon erzählen, auf ihre ureigene Art. Denn Authentizität und Vorbildcharakter sind höchst überzeugende Eigenschaften, die Menschen zum Nachahmen anregen, ohne belehrend zu wirken.

Zwei Prämissen sind beim Vorhaben, einen branchenspezifischen Nachhaltigkeitskodex für Kulturbetriebe zu entwickeln, von Beginn an formuliert worden:

1.Ein Branchenkodex kann nicht Top-down entwickelt und verordnet werden. Wesentlich aussichtsreicher dürfte es sein, einzelne Wirkungsfelder, Kriterien und Messinstrumente in der Praxis zu erproben.
2.Es braucht zunächst einen grundlegenden Überblick. Die Erhebung und Analyse des IST-Standes sind die Datenbasis und Ausgangsgrundlage, um langfristige Entwicklungsperspektiven aufzeigen zu können.

Die Projekte „Selbstversuch“ und „Nachhaltigkeitskultur entwickeln“ greifen diese Annahmen auf. Sie orientieren sich an der Machbarkeit und wollen sichtbarer machen, welche nachhaltigen Entwicklungsschritte gestaltbar sind, sowohl aus eigener Kraft heraus, aber auch durch die Bündelung von Kräften und die Einbeziehung und Ansprache potentieller Partner*innen und Fördernder. Denn es ist schon heute absehbar, dass eine nachhaltige Entwicklung der Infrastruktur eine politikfeldübergreifende Aufgabe darstellt, wo kulturpolitische Interessen mit Sanierungs- und Förderprogrammen des Wirtschafts- und Umweltressorts zusammengedacht und bedarfsorientiert realisiert werden sollten.

Ausgangspunkt einer solchen Förderung sollten belastbare Kenntnisse über die Bedürfnisse und Potentiale der Kulturszene unter nachhaltigen Gesichtspunkten sein. Bei genauerer Betrachtung der bestehenden, statistischen Datenbasis zeigen sich diesbezüglich jedoch deutliche Lücken. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren sorgt zwar seit 1992 für statistische Erhebungen, wesentliche Wirkungsfelder nachhaltiger Betriebsführung werden bislang jedoch überhaupt nicht erfasst. Der Statistikbericht „Ganz genau! Soziokulturelle Zentren in Zahlen 2017“2 setzt Betrachtungsschwerpunkte auf die Wirkungsfelder Gesellschaft und Finanzen. Es zeigt sich aber auch, dass sowohl Bezugspunkte zur Umwelt sowie Angaben zur Steuerung von Prozessen fehlen. Zudem beinhaltet der Bericht keinerlei Anhaltspunkte, mit welcher Strategie die Zentren gedenken, zukünftigen Herausforderungen zu begegnen (vgl. Müller-Espey 2019: Kapitel 8.1).

Mit einer erweiterten Erhebung um Fragen zur Nachhaltigkeit ist der Lückenschluss nun angestoßen. Ausgehend von den Erfurter Workshop Ergebnissen haben die Bundesvereinigung und das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim einen Fragenkatalog ausgearbeitet, der auch Anforderungskriterien des DNK beinhaltet. Die Erhebung erfolgt im zweiten Halbjahr 2018. Über 40 % der Mitgliedseinrichtungen haben sich an der Befragung beteiligt, die Ergebnisse werden im Mai 2019 in Berlin präsentiert. Um erhoffte Entwicklungsprozesse erkennen zu können, ist bereits mitgedacht, in zwei Jahren den Status soziokultureller Zentren zu Fragen der Nachhaltigkeit erneut zu erheben. Im Hinblick auf die Ausgestaltung des Branchenkodex werden die erweiterten Statistiken eine wichtige Orientierungshilfe darstellen und erste Antworten bieten, welche Kriterien und Wirkungsfelder für die Szene relevant sind und welche Beiträge soziokulturelle Zentren für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft bereits leisten. Zu erwarten ist auch, dass sich aus den Befunden Lücken und Entwicklungspotentiale ableiten lassen, die dann in die Ausgestaltung einer längst überfälligen, derzeit aber noch nicht bestehenden Nachhaltigkeitsstrategie für soziokulturelle Zentren einfließen könnten.

Es ist als aussichtsreich zu bewerten, dass sich dem Verband die Chance bietet, auf der Grundlage nun vorliegender, valider Daten, erstmals  nachhaltig geprägte Handlungsansätze für die bundesweite Szene zu formulieren, insbesondere in Form kulturpolitischer Entwicklungsziele, begründeter Förderbedarfe und anschlussfähiger DNK-Kriterien. Zukunftsweisend erscheint auch die methodische Vorgehensweise, die ein Charakteristikum Hildesheimer Kulturpolitikforschung darstellt: Anwendungsbezogen lernen Praxis und Forschung gleichermaßen voneinander. Wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse werden in die Praxis überführt, neue Handlungsweisen dort erprobt, erneut ausgewertet und kritisch reflektiert. Die so zu Tage tretenden Erkenntnisse eröffnen oftmals weiterführende Impulse, Sichtweisen und Entwicklungspotentiale.

Bis zur Fertigstellung des auf diese Weise ausgearbeiteten, branchenspezifischen Nachhaltigkeitskodex wird es noch zeitlichen Vorlauf brauchen, denn zunächst sind die Befunde und Auswertungen der statistischen Erhebung sowie Erkenntnisse zur Praxistauglichkeit einzelner Maßnahmen und Kriterien einzuarbeiten. Vorgesehen ist die Präsentation des Branchenkodex für soziokulturelle Zentren im Rahmen eines Symposiums im Juli 2020 in Hildesheim. Dieser Meilenstein markiert einen wichtigen Schritt auf dem Weg, perspektivisch eine erweiterte Kodexfassung für Kulturbetriebe auszugestalten, ausgehend von der Annahme, dass die Erfahrungswerte der soziokulturellen Szene als Anregungen für weitere Kultursparten wie Theater, Museen, Kinos oder Bibliotheken dienen dürften.

 

Literaturverzeichnis

Baumast, Annett/Pape, Jens (Hg.) (2013): Betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement. 19 Tabellen, Stuttgart, http://www.utb-studi-e-book.de/9783838536767 [zuletzt abgerufen am: 29.4.2019].

Benz, Nicole/Bischoff, Nele/Johannsen, Inka/Lössl, David/Pilliger, Lucienne/Pommerening, Franziska/Terlau, Lea (2019): Ratgeber zum klimaneutralen Veranstalten. Unveröffentlichtes Handout, präsentiert am 10.1.2019 im Projektseminar: Soziokulturelle Zentren im Wandel der Zeit – Nachhaltigkeit als Herausforderung (WS 18/19), Leitung: Christian Müller-Espey, erstellt unter Berücksichtigung der Leitfäden der Energieagentur NRW „Klimaneutrale Veranstaltungen – Ein Ratgeber; Klimaschutzagentur der Evangelischen Kirche Deutschland „Zukunft veranstalten“; Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz: Klimasiegel „Veranstaltung Klimaneutral“.

Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2014): „Nachhaltigkeitsstrategien erfolgreich entwickeln. Strategien für eine nachhaltige Zukunft in Deutschland, Europa und der Welt“, https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/
GrauePublikationen/Studie_Nachhaltigkeitsstrategien_erfolgreich_entwickelnde_NW.pdf [zuletzt abgerufen am: 19.4.2017].

Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. (2017): Ganz genau! Soziokulturelle Zentren in Zahlen 2017. Statistischer Bericht der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., Berlin.

Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. (2018): Nachhaltigkeitskultur konkret: Wirkungsfelder, Kriterien, Fragen. Unveröffentlichtes Ergebnisprotokoll des Workshops im Café Nerly in Erfurt, Protokollant: Patrick Adamscheck.

Interface (2010): „Embedding Sustainability“, http://www.pro-interier.cz/Files/
V%C3%BDrobci/Interface/Fenntarthat%C3%B3s%C3%A1g%20-%20Mission%20Zero/sustainability.pdf [zuletzt abgerufen am: 23.1.2019].

Müller-Espey, Christian (2019): Zukunftsfähigkeit gestalten. Entwicklung nachhaltiger Strukturen soziokultureller Zentren, Berlin.[Erscheinungstermin voraussichtlich im Mai 2019].

Rat für Nachhaltige Entwicklung (2017): „Projekt Nachhaltigkeit. Eine Auszeichnung des Nachhaltigkeitsrates“, http://www.tatenfuermorgen.de [zuletzt abgerufen am: 22.4.2017].

Rat für Nachhaltige Entwicklung (2018): „Hochschul-DNK“, https://www.deutschernachhaltigkeitskodex.de/de-DE/Home/DNK/Hochschul-DNK[zuletzt abgerufen am: 9.1.2019].

Rat für Nachhaltige Entwicklung (2019): „Der Nachhaltigkeitskodex“, http://www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de/de-DE/Home/Database/Compare [zuletzt abgerufen am 9.1.2019].